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21. Kislev 5771 / 17. Dezember 2011

copyright 2011 Hanna Liss, Bruno Landthaler

Josef und seine Brüder

Jaaqov wohnte im Land Kenaan, in dem Land also, in dem sich schon sein Vater aufgehalten hatte.

Und das ist die Geschichte von den Kindern Jaaqovs:

Josef war 17 Jahre alt. Und es kam vor, dass er zusammen mit seinen Brüdern die Schafe hütete. Weil aber Josef noch ein rechter Kindskopf war und noch gar nicht richtig ernsthaft, plauderte er stets alles aus, was seine größeren Brüder untereinander für lästerliche Reden führten.

Es war aber so, dass Jisrael - das ist Jaaqov - Josef mehr liebte als seine anderen Kinder, denn Josef war ihm noch in hohem Alter geboren worden. Und weil es so war, dass Jisrael Josef mehr als die anderen liebte, ließ er für Josef einmal einen wunderschönen bunten Rock anfertigen. Nun sahen die Brüder, wie Josef von ihrem Vater bevorzugt wurde und wie alle Liebe des Vaters nur Josef galt. Da wurden sie sehr eifersüchtig auf Josef und begannen, ihn zu hassen und über ihn nur noch schlecht zu reden.

Und es passierte einmal, da hatte Josef einen Traum. Und weil Josef das nicht für sich behalten konnte, erzählte er ihn sofort seinen Brüdern: „Hört mal, was ich für einen komischen Traum gehabt habe! Wir alle waren auf dem Feld und banden Strohbündel zusammen. Aber mein Strohbündel stellte sich aufrecht hin und reckte sich, während eure Bündel sich um meines stellten und sich vor ihm niederwarfen. Ist das nicht lustig?“ Aber seine Brüder verstanden keinen Spaß, sondern erwiderten nur ganz verärgert: „Willst du etwa König über uns werden und über uns herrschen?“ Und sie hassten ihn für diesen Traum nur noch mehr, und auch, weil er alles seinem Vater erzählt hatte.

Aber Josef hatte wieder einen Traum, und wieder ging er zu seinen Brüdern und erzählte ihn ihnen: „Stellt euch vor, ich habe schon wieder einen Traum gehabt, ich will ihn euch erzählen: Ich träumte von der Sonne, vom Mond und von elf Sternen. Und stellt euch vor, im Traum warfen sich Sonne, Mond und die elf Sterne vor mir nieder!“

Da Josef diesen Traum auch seinem Vater erzählte, wurde Jaaqov böse auf ihn und wies ihn zurecht: „Was ist das für ein Traum? Soll ich etwa und deine Mutter und deine Brüder, sollen wir uns etwa vor dir niederwerfen?“ Während seine Brüder nur noch mehr Hass gegen ihren Bruder verspürten, sagte Jaaqov nichts weiter und behielt diese Sache für sich im Gedächtnis.

Josef wird verkauft

Es war einmal, da waren seine Brüder nach Schechem gegangen, um dort die Schafe des Vaters zu weiden. Da sagte Jisrael zu Josef: „Deine Brüder sind doch in Schechem. Auf, geh zu deinen Brüdern und schau einmal nach, wie es ihnen geht. Ich mache mir etwas Sorgen um sie.“ So schickte Jaaqov Josef zu seinen Brüdern, und Josef kam bis nach Schechem. Aber er konnte sie nicht finden. Da sah ein Mann, wie Josef umherirrte und etwas suchte, und der fragte Josef: „Was suchst du denn?“ Und Josef bemerkte den Mann und antwortete ihn: „Meine Brüder suche ich, die sollen hier irgendwo Schafe hüten.“ „Ja, hier waren mehrere junge Männer mit einer Herde, die sind aber weitergezogen. Ich habe nur gehört, wie sie sagten: Lass uns nach Dothan gehen.“

So ging Josef seinen Brüdern nach, und tatsächlich fand er sie in Dothan, wie der Mann gesagt hatte. Seine Brüder erkannten ihn schon von einiger Entfernung, und wie sie ihn so näherkommen sahen, da sagten sie zueinander: „Ah seht, da kommt der Träumer. Wir sollten dem Träumer einmal etwas zusetzen, dass er nicht mehr träumen kann. Wir können ja immer sagen, dass ein wildes Tier ihn zerrissen und getötet hat, den armen Jungen! Dann können wir ja sehen, was aus seinen Träumen wird!“ Als Reuven das hörte, erwiderte er seinen Brüdern: „Nein, wir wollen ihn nicht töten. Tut ihm nichts an. Ihr könnt ihn ja in eine Grube werfen, da erschrickt er sich schon genug, aber tut ihm nichts an.“ Reuven wollte nämlich seinen Bruder retten, um ihn später zu seinem Vater zurückbringen zu können.

Als nun Josef zu seinen Brüdern kam, da packten sie ihn, zogen ihm den wunderschönen bunten Rock aus, zerrten ihn fort und warfen ihn in die Grube. Da ließen sie ihn liegen, soviel er auch schreien mochte, und setzten sich selbst zum Essen. Da sahen sie von Weitem eine Karawane sich nähern, eine Karawane von Jischmaeliten, die von Gilead herkam. Es war eine der Karawanen, die mit Gewürzen und anderen feinen Dingen beladen war und Richtung Ägypten zog. Als Jehuda diese Karawane sah, sagte er zu den anderen: „Was haben wir davon, wenn wir unseren Bruder Josef umbringen? Kommt, lasst ihn uns an die Jischmaeliten verkaufen, die dort kommen. Wir wollen ihm doch nichts antun, schließlich ist er unser Bruder.“ Und die anderen hörten auf Jehuda.

Als nun die Kaufleute aus Midian vorüberkamen, da zogen die Brüder Josef aus der Grube und verkauften ihn für zwanzig Silberlinge an die Jischmaeliten. Und die brachten Josef nach Ägypten.

Als Reuven, der davon nichts mitbekommen hatte, zur Grube kam und sah, dass sie leer war, da zerriss er vor Trauer seine Kleider und ging zu seinen Brüdern zurück. Dort sagte er ihnen: „Das Kind ist nicht mehr da. Wo soll ich nun hin?“

Aber die Brüder achteten nicht auf ihn, sondern nahmen den Rock von Josef, schlachteten eine Ziege und tränkten mit dem Blut der Ziege den Rock Josefs. Diesen blutüberströmten Rock schickten sie zu ihrem Vater und sagten: „Das hier, diesen Rock haben wir gefunden. Kannst du sehen, ob das der Rock Josefs ist, der Rock, den du Josef geschenkt hast?“ Und Jaaqov erkannte den Rock, erschrak und schrie auf: „Es ist der Rock meines Sohnes! Oh weh! Ein wildes Tier hat ihn zerrissen! Zerrissen ist Josef, zerrissen!“

Da zerriss Jaaqov aus Trauer um Josef seine Kleider, zog sich einen einfachen Sack statt Kleidern an und trauerte um Josef lange Zeit. Und alle seine Söhne und (Schwieger-)töchter kamen zu ihm und wollten ihn trösten, aber Jaaqov ließ sich nicht trösten und sagte nur: „Nein, kein Trost, ich werde in das Grab zu meinem Sohn steigen!“

Die Karawane kam nach Ägypten. Dort verkauften sie Josef an einen Hofbeamten des Pharao, der Potifar hieß. Er war der Oberste der persönlichen Wache des Pharao.

Jehuda und Tamar

Nach diesen Ereignissen trennte sich Jehuda von seinen Brüdern und reiste zu einem Mann, der Chirah hieß. Dort lernte er eine junge Frau kennen, die Tochter eines Kaufmanns, der Schua hieß. Nach einiger Zeit heirateten die beiden, und wiederum nach einiger Zeit gebar Schua einen Sohn. Jehuda nannte ihn Er. Und nicht lange, da bekam Schua wieder einen Sohn, und den nannte Jehuda Onan. Wiederum nach einiger Zeit wurde Schua wieder schwanger und gebar einen Sohn, den nannte Jehuda Schela.

Die Kinder wuchsen heran, und als es Zeit war, dass seine Söhne auch wiederum heiraten sollten, da suchte sich Jehuda für seinen Sohn Er eine Frau Tamar aus. Aber Er war nicht so, wie es sich der Ewige gewünscht hätte, er war ein schlechter Mann, der nur Schlechtes im Sinn hatte. Darum ließ ihn der Ewige nicht lange leben und er starb, ehe er Kinder hatte.

Da ging Jehuda zu Onan, seinem zweiten Sohn, und sagte ihm: „Auf, geh zu der Frau deines Bruder, die nun Witwe geworden ist, und sorge nun du für deinen Bruder dafür, dass er zu Kindern komme.“ Aber Onan wusste, dass die Kinder, die er mit Tamar haben würde, nicht seine Kinder wären, sondern die seines verstorbenen Bruders. Deshalb richtete es Onan listig ein, dass er sich zwar zu Tamar legte und die Nächte bei ihr verbrachte, dass Tamar aber nicht schwanger wurde. Aber das verärgerte nun wieder den Ewigen, der solches Tun gar nicht gerne sah, weshalb er es machte, dass auch Onan nicht lange lebte und schon nach kurzer Zeit starb.

Da Tamar noch immer kinderlos war, sagte Jehuda zu ihr: „Bleib als Witwe bei deinem Vater. Wenn Schela, mein dritter Sohn, alt genug sein wird, erhälst du ihn zum Mann.“

Und so ging Tamar zu ihrem Vater zurück.

Nach einiger Zeit starb die Frau von Jehuda. Und Jehuda nahm sich einige Zeit, um für seine Frau zu trauern. Dann endlich ging er wieder seiner Arbeit nach und ging zu seinen Schafen, die bei Timna weideten. Nun hörte Tamar zufällig davon, dass ihr Schwiegervater nach Timna ging, um die Schafe zu scheren. Da legte sie schnell ihre Witwenkleider ab, bedeckte sich mit einem mächtigen Schleier, verhüllte sich damit ganz und gar und setzte sich irgendwo auf dem Weg nach Timna nieder. Sie hatte nämlich etwas mit Jehuda vor, weil sie böse auf ihn war: Der hatte ihr nämlich noch immer nicht Schela zum Mann gegeben, obwohl er schon längst herangewachsen war.

Und wie Jehuda die Straße Richtung Timna so lang ging, da sah er eine verhüllte Frau am Straßenrand sitzen und dachte, dass sie eine der Frauen sei, die nur immerzu etwas mit Männer zu tun haben wollen. Deshalb ging er zu ihr hin und sagte ihr:

„Darf ich mich zu dir legen?“

Sie antwortete: „Was gibst du mir dafür?“

Er erwiderte: „Ich werde dir ein Ziegenböcklein schicken.“

„Dann gib mir ein Pfand, bis du mir es geschickt hast.“

„Was soll ich dir als Pfand geben?“

„Deinen Ring, die Schnur und deinen Stab.“

Und Jehuda gab ihr, was sie wollte. Da legte er sich zu ihr, denn er wusste ja nicht, dass es Tamar, seine Schwiegertochter war.

Tamar ging, nachdem sich auch Jehuda wieder auf den Weg gemacht hatte, zurück nach Hause, legte wieder ihre Witwenkleider an. Tamar war aber von Jehuda schwanger geworden.

Als nun Jehuda ein Ziegenböcklein zu der Frau vom Straßenrand schicken wollte, um sein Pfand wieder zurückzuerhalten, fand man die Frau nicht. Und auch die Leute der Umgebung wussten nichts von einer solchen Frau, die nur auf Männer wartet. Da wurde Jehuda berichtet, dass man die Frau nicht finden konnte. Da meinte Jehuda nur: „Soll sie es doch behalten, was sie von mir hat. Wenn ich weiter nach ihr suchen lasse, mache ich mich vor den Leuten nur zum Gespött.“

Nach einiger Zeit wurde Jehuda berichtet, dass Tamar Unzucht getrieben und mit fremden Männern geschlafen habe und nun schwanger sei und in Kürze ein Kind erwarte. Da schrie Jehuda: „Nehmt Tamar hinaus vor die Stadt, dort soll sie ihre gerechte Strafe erhalten!“ Da wurde Tamar hinausgeführt, eine große Menschenmenge hatte sich schon eingefunden.

Da schickte Tamar zu Jehuda und ließ ihm sagen: „Wem das hier gehört, der ist der Vater des Kindes, das ich erwarte!“ Und als Jehuda sah, dass es das Pfand war, das er bei der Frau am Straßenrand gelassen hatte, da sagte er: „Sie ist gerechter als ich. Ich habe ihr meinen Sohn Schela vorenthalten.“

Als die Zeit nun kam, da sie gebären sollte, zeigte es sich, dass sie Zwillinge hatte. Und während der Geburt streckte eines der Zwillinge eine Hand heraus, die Hebamme band ein rotes Fädchen um den Arm und sagte: „Der ist der erste.“ Doch die Hand verschwand wieder und geboren wurde der andere zuerst. Diesen nannte sie Perez, den zweiten nannte sie Serach.

Josef bei Potifar

(Kap. 39) Als Josef nach Ägypten gebracht worden war, wurde er an Potifar, der persönlichen Wache des Pharao, verkauft. Und der Ewige war stets mit Josef und ließ Josef alles gelingen, was er tat.

Und als Josefs Herr, der Potifar, sah, dass Josef in allem, was er tat, ein glückliches Händchen hatte, ging auch er mit Josef sehr viel freundlicher um, als ein Sklaven erhoffen durfte. Zunächst durfte Josef Potifar persönlich bedienen, was eine besondere Auszeichnung für einen Sklaven war, schließlich wurde Josef sogar als Aufseher über alles, was Potifar hatte, gemacht, und Josef durfte alles für ihn in Ordnung halten. Und der Ewige segnete das Haus dieses Ägypters, denn es sollte Josef gut gehen. Und Josef machte alle Arbeiten für Potifar und er machte es so gut, dass sich Potifar um nichts mehr kümmern musste.

Josef war nun kein Kind mehr, sondern ordentlich herangewachsen, und er war auch von schöner Gestalt. Das blieb der Frau des Potifar nicht verborgen, weshalb sie mit Josef näher in Kontakt treten wollte. Und sie passte einmal eine günstige Gelegenheit ab, um mit Josef allein zu sein. Da sagte sie zu ihm: „Josef, komm doch in mein Gemach. Wir könnten es uns sehr schön machen!“ Aber Josef wollte davon nichts wissen und antwortete nur: „Mein Herr, dein Mann, hat mir über alles die Befugnis gegeben, was ihm gehört. Ich habe sehr großes Ansehen in diesem Hause und ich bin deinem Mann deshalb auch dankbar. Wie sollte ich also mich mit dir einlassen und damit eine sehr große Schlechtigkeit begehen und auch gegen G"tt sündigen?“

Aber Potifars Frau ließ nicht locker. Jeden Tag redete sie auf ihn ein, versuchte ihn zu überreden, doch einmal mit ihr Spaß zu haben. Aber Josef widerstand der Frau.

Da geschah es aber eines Tages, als er wie gewohnt ins Haus kam, um seine Arbeit zu tun, und von den übrigen Sklaven niemand im Haus war und er also ganz allein war, da kam sie auf ihn zugestürmt, packte ihn an seinem Gewand und befahl Josef, nun endlich mit ihr zu kommen. Josef riss sich fort, ließ sein Gewand in ihrer Hand und stürmte hinaus. Das Gewand in ihrer Hand rief sie aber laut aus, dass alle herbeieilten: „Seht nur, der hebräische Sklave hat mich überfallen und wollte mit mir seinen Mutwillen treiben. Da ich aber laut aufschrie, floh er, so schnell er konnte und ließ sein Gewand zurück.“

Als später auch ihr Mann nach Hause kam, erzählte sie auch ihm diese Geschichte, wie Josef gekommen sei, sie überfallen habe, was er mit ihr vorgehabt hätte, und wie er geflohen sei, als sie laut aufgeschrien hatte. Als das Potifar hörte, wurde er sehr wütend und befahl Soldaten, dass sie Josef ergreifen sollten, um ihn ins Gefängnis zu werfen. Das geschah auch.

Josef im Gefängnis

Aber der Ewige war weiterhin mit Josef und dachte an ihn. Und so geschah es, dass Josef schon bald dem Aufseher im Gefängnis auffiel und dieser Gefallen an Josef hatte. Und da der Aufseher selbst wenig Lust verspürte, für die Gefangenen zu sorgen, setzte er schon bald Josef dazu ein, sich um die Gefangenen zu kümmern, so dass der Aufseher nichts mehr zu machen brauchte, sondern nur noch zuschaute, wie Josef die Aufgaben des Aufsehers übernahm.

(Kap. 40) Eines Tages, Josef war schon eine ganze Weile im Gefängnis, da geschah es, dass zwei Bedienstete des Pharao etwas gemacht hatten, worüber sich der Pharao sehr geärgert hatte. Es waren dies der Mundschenk, also der, der für die besten Getränke des Pharao zuständig war, und der Bäcker. Und weil sich der Pharao über die beiden sehr geärgert hatte, ließ er sie kurzerhand ins Gefängnis werfen. Und so kamen der Mundschenk und der Bäcker des Pharao in das Gefängnis, in dem Josef schon eine ganze Weile einsaß. Der Aufseher befahl Josef, dass er besonders diese beiden Gefangenen zu bedienen habe, schließlich waren das Bedienstete des Pharao! Und so kam es, dass Josef sehr viel mit den Beiden zusammenkam und sie viel miteinander redeten.

Eines Morgens kam Josef wieder einmal zu ihnen, um ihnen das Frühstück zu bringen, da sah er, dass mit den Beiden etwas nicht stimmte. Er fragte: „Warum seht ihr so verstört aus? Was ist passiert?“ Und die Beiden antworteten: „Wir beide hatten heute Nacht einen Traum. Und niemand ist hier, der sagen könnte, was dieser Traum zu bedeuten hat.“ Da ging Josef auf sie zu und ermunterte sie: „G"tt kann Träume deuten. Erzählt die Träume ruhig mir.“

Da erzählte der Mundschenk als erster: „In meinem Traum standen zwei Weinstöcke vor mir. Jeder Weinstock hatte drei Ranken. Und die Ranken grünten, und sie blühten, und bald reiften Trauben an den Ranken. Da ich den Becher des Pharao in der Hand hatte, nahm ich die Trauben, drückte sie über dem Becher aus, sodass der Saft hineinfloss, und gab den Becher dem Pharao.“ Dann hörte der Mundschenk zu erzählen auf und wartete, was Josef dazu zu sagen hatte.

Und Josef deutete den Traum: „Eigentlich ist der Traum ganz einfach: Die drei Ranken bedeuten drei Tage. Das soll heißen, dass dich innerhalb von drei Tagen der Pharao aus dem Gefängnis holen wird und du wieder ganz normal als Mundschenk bei ihm arbeiten kannst. Und wie früher, wirst du dem Pharao den Becher reichen. Aber ich bitte dich: vergiss mich nicht. Wenn du zum Pharao kommst, dann leg ein gutes Wort für mich ein, damit auch ich aus dem Gefängnis kommen kann. Denn schau, ich habe nichts getan, und doch bin ich im Gefängnis gelandet.“

Als nun der Bäcker hörte, wie günstig Josef die Träume zu deuten wusste, begann er sofort, auch seinen Traum zu erzählen: „In meinem Traum trug ich drei Körbe mit Brot und Brötchen auf dem Kopf. Im obersten Korb waren süße Teilchen für den Pharao. Da kamen Vögel und fraßen aus diesem Korb.“ Diesmal wartete Josef, bevor er sagte, was der Traum zu bedeuten hatte. Aber schließlich sagte er: „Auch die drei Körbe bedeuten drei Tage. Innerhalb von drei Tagen wird dich der Pharao an einen Galgen hängen, bis die Vögel an dir picken.“

Nun war drei Tage nach diesen Erzählungen der Geburtstag des Pharao. Die Diener und Sklaven bereiteten ein großes Festessen vor, wie es üblich war an Pharaos Geburtstag. Und als gefeiert wurde, da verkündete der Pharao, dass der Mundschenk wieder freikommen und der Bäcker an einem Galgen erhängt werden sollte. Es geschah also genau so, wie Josef die Träume gedeutet hatte.

Aber der Mundschenk vergaß Josef und dachte nicht mehr daran, dem Pharao von Josef zu reden.

copyright 2011 Hanna Liss, Bruno Landthaler

Fortsetzung: Paraschat Miqez

Devarim
Waetchanan
Eqev
Reeh
Schoftim
Ki Teze
Ki Tavo
Nizavim
Wajelech
Haasinu
Sot ha-Bracha

Paraschat Wajeschew

Gen 37,1 - 40,23; Haftara: Am 2,6-3,8

Josef und seine Brüder Josef wird verkauft Jehuda und Tamar Josef bei Potifar Josef im Gefängnis
Einleitung
Fragen

Einführung

Von dieser Parascha an wird die Geschichte Josefs erzählt, Josef rückt nun ins Zentrum des Geschehens. Diese Geschichte ist für den gesamten Aufbau der Tora sehr wichtig, da Josef es ist, der die Stammväter wieder mit Ägypten verbindet, und Ägypten ist die Voraussetzung für Befreiung und Gesetzgebung am Berg Sinai, die Voraussetzung also für die Identität des Judentums. Damit gehen wir also mit großen Schritten auf die Volkwerdung Jisraels zu, die ja von den Stämmen - den Söhnen Jaaqovs - bereits „physisch“ geschehen ist. Nun machen wir einen weiteren Schritt auf die „mentale oder geistige“ Volkwerdung.

In dieser Parascha fallen vor allem die Träume auf. Nirgendwo wird soviel geträumt wie in dieser und der nächsten Parascha. Was bedeuten die Träume? Natürlich sind es die Mittel, mit denen G"tt in die Geschichte selbst eingreifen kann. Aber es lässt sich noch ein weiterer Aspekt erkennen: Durch die Träume - und zwar als Spinnerei eines dummen Jungen, nicht als g"ttliche Kundgebungen - wird erst das möglich, was in den Träumen selbst angedeutet ist: Josef wird nach Ägypten verkauft, und die Brüder werden in Ägypten sich tief verbeugen müssen, um dort Anschluss an die Geschichte zu finden. Von seiten der Brüder dargestellt: Nur weil die Brüder den g"ttlichen Wink in den Träumen nicht erkennen, reagieren sie überaus menschlich und machen aber dadurch genau das, was dem „g"ttlichen Plan“ entspricht. Um die Geschichte also dorthin zu führen, wo sie hinführen sollte, mussten die Brüder also ganz und gar so reagieren, wie es unseren ethischen Vorstellungen nicht eben entspricht.

Josef in der jüdischen Tradition

Josef ist in der Tora durchaus auch als ein "dummer Junge" dargestellt, der ziemlich überheblich wirkt. Das bleibt den Rabbinen natürlich nicht verborgen, und auch sie sehen Josef natürlich als einen frommen Menschen, kritisieren ihn aber dann doch wegen seiner Hochnäsigkeit. Unsere Rabbinen weisen deshalb auch darauf hin, dass Josef früher als die anderen Brüder stirbt, für sie ein Indiz dafür, dass Josef nicht nur ein frommer Mann war.

Geschwisterpaare

In der Tora finden sich immer wieder Geschwister, die in Konkurrenz zueinander stehen und die Probleme miteinander haben: man denke nur einmal an Jaaqov und Esaw. Aber auch Mosche, Mirjam und Aharon haben miteinander Schwierigkeiten.

copyright 2011 Hanna Liss u. Bruno Landthaler

Fragen zur Parascha

A) Allgemeine Fragen

Wo wohnte Jaaqov?

Wem schenkte Jaaqov ein schönes Kleidungsstück?

Weshalb hassten die Brüder den Josef?

Wieviele Träume hatte Josef?

Wer wollte Josef vor dem Tod retten?

Wer ist Tamar?

Wie hießen die Kinder von Jehuda

Weshalb kam Josef ins Gefängnis?

B) Fragen für Fortgeschrittene

In dieser Parascha werden sehr viele Träume geträumt. Versuche einmal zu bestimmen, was die Träume für die Geschichte bedeuten.

Weshalb wollte Tamar unbedingt ein Kind? Welches Gebot wollte sie unbedingt erfüllen und gegen welches Verbot verstieß sie aber?

Welcher Stammvater war vor Josef schon einmal in Ägypten?

Wieder einmal sind Brüder untereinander zerstritten. Kennst du noch andere Brüder, die auch zerstritten waren?