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copyright 2011 Hanna Liss u. Bruno Landthaler

Die Leiter vom Himmel

(28,10) So also zog Jaaqov von Beer-Scheva fort und ging nach Charan. Unterwegs übernachtete er einmal an einem bestimmten Ort, weil die Sonne schon untergegangen war. Da nahm er sich von den Steinen, die umherlagen, stellte ihn auf Kopfhöhe auf und legte sich dort nieder, um zu schlafen. Als er eingeschlafen war, hatte er einen Traum:

Er sah eine Leiter. Eine sehr große Leiter. Die stand auf der Erde, aber sie ragte bis in den Himmel hinein, so hoch war sie. Und dann sah er Engel. Engel G"ttes, die auf der Leiter auf und nieder gingen. Und oben auf der Leiter, da sah er den Ewigen selbst, und er sah ihn reden: „Ich bin der Ewige, der G"tt deines Großvaters Avraham und der G"tt deines Vaters Jizchaq. Das Land, auf das du dich gelegt hast, um auszuruhen, das Land möchte ich dir und deinen Kindern, Enkeln und Urenkeln geben. Deine Kinder, Enkel und Urenkel sollen einmal sehr zahlreich sein, so zahlreich, wie der Staub der Erde, und du sollst deinen Besitz ausbreiten in alle Himmelsrichtungen. Und alle anderen Völker sollen durch dich und deine Nachkommen gesegnet sein. Ich sage dir nur eins: Ich werde mit dir sein, überall werde ich auf dich achten. Und wohin du auch gehst, ich werde dich wieder in dieses Land zurückbringen. Ich werde dich nicht verlassen, bis ich das, was ich versprochen habe, eingelöst habe.“

Da erwachte Jaaqov aus seinem Traum und sagte sich: „Tatsächlich, der Ewige, er wohnt hier an diesem Ort. Das hier ist G"ttes Haus, und hier ist die Tür in den Himmel.“

Aber Jaaqov schlief noch einmal ein. Am andern Morgen stand Jaaqov auf, nahm den Stein, den er sich hingelegt hatte, stellte ihn als besonderen Denkstein auf und goss Öl darüber. Und er nannte diesen Ort Bet-El, Haus G"ttes. Und Jaaqov sagte sich: „Wenn G"tt mich auf meinem weiteren Weg begleiten und mich beschützen wird, dann möchte ich diesen Stein hier zu einem G"tteshaus ausbauen und von allem, was ich erwirtschafte, möchte ich dann den zehnten Teil als Geschenk für G"tt abgeben.“

Jaaqov bei Lavan

(29) Jaaqov machte sich nach dieser Nacht auf und wanderte in das Land, wo seine Mutter herkam. Als er nach langen Tagen der Reise endlich ankam, sah er einen Brunnen auf dem Feld, um den sich drei Schafherden gelagert hatten. Jaaqov trat heran und fragte die Hirten, die bei ihren Herden standen: „Sagt mir, woher seid ihr?“ Da antworteten sie, dass sie aus Charan seien, genau der Stadt, wo auch seine Mutter herkam.

Ganz erfreut darüber, sagte er ihnen: „Dann kennt ihr vielleicht auch Lavan, den Sohn von Nachor.“ Und sie antworteten ihm: „Ja, Lavan kennen wir.“ Jaaqov: „Wie geht es ihm.“ „Gut geht es ihm.“ Und als sie sahen, wie da ein schönes Mädchen daherkam, da sagten sie zu Jaaqov: „Und schau, da kommt Rachel, die Tochter Lavans, sie kommt mit ihren Schafen.“

Mittlerweile war Rachel mit ihrer Herde nähergekommen. Und als Jaaqov Rachel nun aus der Nähe sah, ging er hin zum Brunnen, wälzte den Stein vom Brunnen und tränkte die Herde Lavans, die Rachel hierhergetrieben hatte. Nachdem er das getan hatte, trat er zu Rachel, küsste sie, erhob seine Stimme und weinte. Als er sich wieder etwas beruhigt hatte, erzählte er Rachel, dass er ein Verwandter sei, nämlich der Sohn von Rivqa, die doch die Schwester von Rachels Vater war.

Als Rachel das hörte, lief sie schnell nach Hause und erzählte alles ihrem Vater Lavan. Und als Lavan das alles hörte, lief er schnell hinaus, wo Jaaqov noch immer war, lief ihm entgegen, umarmte und küsste ihn. Schnell brachte er Jaaqov in sein Haus und lud ihn ein, bei ihm zu verweilen.

Jaaqovs Heiraten

So blieb Jaaqov einen ganzen Monat bei seinem Onkel Lavan und half ihm bei der Tierpflege. Nach Ablauf von einem Monat sagte Lavan zu Jaaqov: „Jaaqov, du bist doch mein Verwandter. Es ist nicht gut, dass du bei mir arbeitest, ohne dass ich dich dafür entlohne. Sag mir deshalb, was du für deine Arbeit willst.“

Nun hatte Lavan zwei Töchter, die ältere hieß Lea und ihre Augen waren zart, die jüngere war Rachel, und die war sehr schön, und Jaaqov liebte sie. Deshalb sagte er zu Lavan: „Ich will bei dir sieben Jahre arbeiten, und dafür möchte ich am Ende der sieben Jahre Rachel, deine jüngere Tochter, heiraten.“

Und so arbeitete Jaaqov sieben Jahre lang bei Lavan. Für Jaaqov verging die Zeit wie im Flug, denn er liebte Rachel sehr und war bereit, für sie alles zu tun.

Als die sieben Jahre um waren, ging Jaaqov zu Lavan und forderte von ihm: „Meine Zeit ist nun um. Gib mir meine Frau, damit ich sie heimführen kann.“ Da rief Lavan die Leute aus der näheren und weiteren Umgebung zusammen und veranstaltete ein großes Fest zur Hochzeit.

Doch als es Abend wurde und Zeit war, dass sich das Paar zurückziehen sollte, da nahm Lavan nicht Rachel, sondern Lea und brachte sie zu Jaaqov in sein Zimmer. Da es sehr dunkel war, konnte Jaaqov nichts sehen, und erst am Morgen erkannte er, dass er die ganze Nacht mit Lea zusammen war. Da wurde er sehr zornig und lief schnell zu Lavan und schrie ihn an: „Was hast du mir da angetan? Habe ich etwa für deine Tochter Lea bei dir gearbeitet? Warum hast du mich also betrogen?“

Da antwortete ihm Lavan: „Beruhige dich, Jaaqov. Ich konnte nicht anders. Denn es ist hier bei uns nicht üblich, dass die Jüngere vor der Älteren verheiratet wird. Deshalb wollen wir es so machen: Feiere die Woche deine Hochzeit noch zu Ende, dann sollst du noch weitere sieben Jahre bei mir arbeiten, und dafür sollst du nach der Hochzeit auch Rachel zur Frau nehmen dürfen.“

Damit war Jaaqov einverstanden. Er feierte mit Lea die Hochzeitswoche zu Ende, und danach bekam Jaaqov von Lavan auch Rachel zur Frau. Darüber hinaus gab Lavan der Lea eine Dienerin, die Silpa hieß, und Rachel gab er die Dienerin Bilha. So konnte nun Jaaqov auch zur Rachel gehen. Aber Jaaqov liebte Rachel mehr als Lea. Und so lebte Jaaqov noch weitere sieben Jahre bei Lavan mit seinen beiden Frauen und arbeitete für Lavan.

Jaaqovs Kinder

Als aber der Ewige sah, dass Jaaqov Rachel mehr liebte als Lea, da fügte er es, dass Lea schwanger wurde, während Rachel unfruchtbar war und keine Kinder bekam. Lea war also schwanger und nach neun Monaten gebar sie einen Sohn. Den nannte sie Reuven, denn sie sagte sich: „Der Ewige hat mein Elend gesehen, aber nun, da ich ihm ein Kind geboren habe, wird er bestimmt auch mich lieben.“

Es verging einige Zeit, da wurde Lea wieder schwanger, und nach neun Monaten gebar sie einen Sohn. Und sie sagte sich diesmal: „Weil der Ewige gesehen hat, dass ich nicht so geliebt werde, gab er mir auch dieses Kind. Und sie nannte ihren Sohn Schim´on.“

Und es verging nur einige Zeit, da wurde Lea wieder schwanger und gebar einen Sohn. Und sie sagte sich: „Nun aber wird mein Mann endlich auf mich aufmerksam werden, da ich ihm jetzt schon drei Söhne geboren habe.“ Und sie nannte ihren Sohn Lewi.

Und ein viertes Mal ereignete es sich, da wurde sie schwanger und gebar einen Sohn. Und sie sagte sich: „Dieses Mal danke ich dem Ewigen,“ weshalb sie ihren Sohn Jehuda nannte. Von da an gab es aber eine ganze zeitlang keine Kinder mehr.

(30) Als Rachel nun sah, dass sie ihrem Jaaqov keine Kinder schenken konnte, da wurde sie sehr neidisch auf ihre Schwester. Und auch wütend. Denn wutentbrannt ging sie zu Jaaqov und sagte ihm: „Schaff mir endlich Kinder her! Wenn ich keine Kinder bekomme, dann sterbe ich!“ Da wurde wiederum Jaaqov wütend auf Rachel und fuhr sie an: „Bin ich G"tt, der dir versagt hat, Kinder zu gebären?“

Das sah Rachel ein und wurde wieder ruhig. Sie machte aber Jaaqov einen Vorschlag: „Wenn ich dir schon keine Kinder gebären kann, so soll das wenigstens meine Dienerin Bilha für mich tun. Da, nimm dir die Bilha, damit sie Kinder für mich gebäre. So komme ich wenigstens durch meine Dienerin zu Kindern.“

Und Rachel gab Jaaqov ihre Dienerin Bilha, und Jaaqov ging zu ihr. Und nicht lange, da wurde Bilha tatsächlich schwanger und sie gebar dem Jaaqov einen Sohn. Da freute sich Rachel und sagte: „G"tt hat mir Recht geschaffen und auf meine Stimme gehört und mir einen Sohn gegeben.“ Deshalb nannte sie ihn Dan.

Nach nicht allzu langer Zeit, da wurde Bilha, die Dienerin Rachels, wiederum schwanger, und sie gebar dem Jaaqov noch einen zweiten Sohn. Da sagte Rachel: „Ich habe einen wahrlich göttlichen Kampf mit meiner Schwester ausgefochten, und ich habe über meine Schwester gesiegt.“ Und sie nannte ihren Sohn Naftali.

Als Lea nun sah, dass es schon eine Ewigkeit her war, dass sie Kinder geboren hatte, während die Dienerin von Rachel dem Jaaqov Kinder gebar, da nahm auch sie ihre Dienerin Silpa und gab sie Jaaqov zur Frau. Und nicht lange, da gebar auch Silpa dem Jaaqov einen Sohn, woraufhin Lea sprach: „Das Glück ist gekommen!“ Und sie nannte ihn Gad.

Und Silpa, die Dienerin Leas, wurde nach nicht sehr langer Zeit wieder schwanger, und sie gebar dem Jaaqov einen Sohn. Dieses Mal sagte Lea: „Zu meiner Seligkeit! Denn die Töchter preisen mich selig!“ Und sie nannte ihn Ascher.

Einmal ging Reuven, es war zur Zeit der Weizenernte, hinaus aufs Feld, um dort spazieren zu gehen. Am Wegrand fand er eine Wurzel liegen, die aussah, wie ein kleines Männlein. Und weil die Wurzel so lustig aussah, brachte er sie seiner Mutter Lea. Und Lea war von der Wurzel ganz begeistert und rief aus: „Eine Alraune!“ (Man muss nämlich wissen, dass Alraunen besondere Kräfte zugesprochen wurden und man glaubte, aus ihnen Zaubertränke herstellen zu können). Als Rachel sah, dass Lea eine Alraune in Händen hielt, lief sie sofort zu Lea und wollte die Alraune von Lea haben. Aber Lea war ganz zornig und sagte zu ihr: „Ist es nicht genug, dass du mir ständig meinen Mann nimmst? Nun willst du auch noch die Alraune meinem Sohn wegnehmen. Daraufhin sagte Rachel zu Lea: „Dann können wir es ja so machen, dass heute nacht Jaaqov zu dir geht, dafür bekomme ich aber die Alraune.“ Und so machten sie es.

Als nun Jaaqov abends vom Feld heimkam, da ging Lea ihm sofort entgegen und sagte ihm: „Heute nacht, mein Lieber, kommst du zu mir, denn Rachel hat dich für ein Stück Alraune freigegeben!“ Und so schlief Jaaqov diese Nacht bei Lea.

Da G"tt Lea erhört hatte, so kam es, dass Lea doch noch schwanger wurde und dem Jaaqov mittlerweile schon den fünften Sohn gebar. Da sagte Lea: „Dafür, dass ich meinem Mann meine Dienerin gegeben habe, hat G"tt mich belohnt.“ Und sie nannte ihren Sohn Jissachar.

Und noch ein weiteres Mal wurde Lea schwanger und gebar dem Jaaqov einen Sohn. Sie sagte: „G"tt hat mich reich beschenkt, nun wird mein Mann mich ehren.“ Und sie nannte ihren Sohn Sevulun.

Zuletzt gebar Lea dem Jaaqov noch eine Tochter, die sie Dina nannte.

Nun endlich dachte G"tt auch an Rachel und machte es, dass sie nicht mehr länger unfruchtbar blieb. Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Sie sagte: „G"tt hat meine Schande weggenommen, und sie nannte ihn Josef.“ Damit wollte sie auch sagen, dass der Ewige ihr noch einen weiteren Sohn schenken möge (josef heißt auf hebräisch „noch einer“).

Jaaqov trennt sich von Lavan

Nachdem nun auch Rachel ein Kind geboren hatte, ging Jaaqov zu Lavan und sagte ihm: „Ich glaube, es ist Zeit, dass ich wieder in meine Heimat zurückkehre. Gib mir meine Frauen und meine Kinder, um die ich bei dir gearbeitet habe, und lass mich ziehen.“ Daraufhin sagte Lavan zu Jaaqov: „Ach Jaaqov, das ist sehr schade, dass du gehen willst. Ich glaube nämlich, dass ich durch dich einen mächtigen Gewinn hatte. Dir ist doch alles geglückt. Aber - wie du willst! Sag deinen Lohn, den du für deine Arbeit verlangst, und ich gebe ihn dir.“

Da antwortete Jaaqov: „Du weißt ja, wie ich gearbeitet habe. Durch mich ist deine Viehherde mächtig angewachsen; erinnerst du dich noch, wie klein deine Herde war, als ich hier ankam? Dich hat der Ewige mit jedem Schritt, den ich getan habe, mitgesegnet.“ Und neugierig fragte Lavan: „Nun, was soll ich dir geben?“ Und Jaaqov antwortete: „Ich möchte nur eines von dir: Dass du mir erlaubst, dass ich noch einmal durch die Herden gehe und die Schafe und Ziegen aussondere, die gesprenkelt und gepunktet sind. Die sollen mein Lohn sein.“

Da sagte Lavan: „Gut, so wollen wir es machen.“ Und noch am selben Tag ging Lavan zu seinen Herden und sonderte alle gesprenkelten und gepunkteten Schafe und Ziegen aus und gab sie seinen Söhnen, die mit diesen Herden einige Kilometer weit weg zogen.

Als Jaaqov zu den Herden kam, weidete er weiterhin die übriggebliebenen Schafe und Ziegen. Aber Jaaqov nahm frisch abgeschlagene Äste von verschiedenen Bäumen, schälte auf diesen Ästen weiße Streifen aus und stellte sie dann an die Wassertröge, wo die Tiere tranken, direkt vor die Tiere hin. Und wenn die Tiere nun angesichts der gestreiften Äste brünstig wurden, so warfen sie gestreifte, gesprenkelte und gepunktete Kleintiere. Und diese Tiere schied Jaaqov aus und bildete eine eigene Herde. Da auf diese Weise die gesprenkelten und gepunkteten Tiere immer mehr wurden, richtete es Jaaqov so ein, dass nur noch die sehr kräftigen Tiere vor den gestreiften Ästen brünstig wurden. Waren aber die Tiere schwach und kränklich, so nahm er die gestreiften Äste wieder weg, damit die Jungtiere weiß und nicht gepunktet würden. Auf diese Weise wurde Jaaqov sehr reich, hatte mittlerweile eine große Herde von starken Schafen. Auch Bedienstete hatte er eine ganze Menge, auch Esel und Kamele.

(31) Einmal hörte er, wie die Söhne Lavans sagten: „Dieser Jaaqov hat alles genommen, was unserem Vater gehört, er hat sich auf Kosten unseres Vaters bereichert!“ Da merkte Jaaqov, wie die Familie Lavans sich gegen ihn auflehnte, auch am Gesicht Lavans selbst erkannte er, dass auch er nicht mehr für ihn gestimmt war.

Da sagte der Ewige zu Jaaqov: „Es ist Zeit, dass du zurückkehrst in deine Heimat. Sei ohne Sorge, ich werde mit dir sein.“ Da ließ Jaaqov seine beiden Frauen Rachel und Lea und seine Kinder zu sich aufs Feld zu den Herden kommen. Dort sagte er zu ihnen: „Ich habe mitbekommen, wie euer Vater und eure Brüder gegen mich gestimmt sind. Ihr wisst selbst, wie ich für euren Vater gearbeitet und ihn reich gemacht habe. Aber er hat meinen Lohn immer wieder geändert und das Versprochene nie gehalten. Aber G"tt hat mich davor geschützt, denn sagte Lavan: Die Gesprenkelten sollen dein Lohn sein, so warfen die Tiere auch gesprenkelte Jungtiere. Und so wurde meine Herde immer größer. Zur Zeit der Brunft träumte ich einmal, dass ein Engel zu mir sprach: ‚Jaaqov!´Da sagte ich: ‚Hier bin ich!´ Und der Engel sagte: ‚Schau hin, alle Böcke, die die Schafe bespringen, sind gestreift, gesprengelt oder scheckig. Denn ich habe gesehen, was Lavan dir angetan hat. Ich bin der G"tt von Bet-El, wo du mir einen Stein gewidmet hast. Nun auf, zieh aus diesem Land heraus und kehre zu dir nach Hause zurück.“

Rachel und Lea antwortete ihm: „Haben wir hier noch etwas verloren? Er hat uns ohnehin nur noch als Fremde behandelt. Alles, was wir haben, hat G"tt ihm zurecht genommen, es gehört uns und unseren Kindern. Deshalb, Jaaqov, tu, was dir G"tt gesagt hat.“

Da brachen sie auf. Jaaqov hob seine Frauen und Kinder auf die Kamele und führte alles fort, was er besaß und bei Lavan erworben hatte, und zog zu seinem Vater Jizchaq in das Land Kanaan.

Da Lavan gerade draußen auf dem Feld war, um die Schafe zu scheren, schlich sich Rachel zurück ins Haus und stahl ihrem Vater einige Holzgötterchen, die ihm sehr lieb waren. Und auch Jaaqov stahl seinem Schwiegervater Lavan sozusagen sein Herz, da er ihm verheimlicht hatte, dass er mit seiner Familie zurückgehen wollte nach Kanaan.

Lavan verfolgt Jaaqov

So flohen Jaaqov und seine Familie mit allem, was sie besaßen, und überquerten den großen Fluss Euphrat und schlugen die Richtung auf das Gebirge Gilead hin ein. Nach drei Tagen wurde Lavan mitgeteilt, dass Jaaqov entflohen sei. Da brach Lavan sofort auf, nahm seine Verwandten mit, und verfolgte Jaaqov und die Seinen. Im Gebirge Gilead endlich holte er ihn ein. Aber noch bevor Lavan Jaaqov treffen konnte, kam G"tt in einem Traum zu Lavan und sagte ihm: „Hüte dich ja, Jaaqov im Guten wie im Bösen auf ihn einzureden.“

Danach holte Lavan Jaaqov endlich ein, der im Gebirge sein Zelt aufgeschlagen hatte. Da sagte Lavan zu Jaaqov: „Was hast du getan? Du hast mein Herz gestohlen, weil du meine Töchter heimlich weggeführt hast wie Gefangene. Warum bist du heimlich geflohen und hast mich obendrein auch noch bestohlen? Und warum hast du nichts gesagt. Mensch, ich hätte dich doch ziehen lassen, mit Gesängen und Musik hätte ich dich noch begleitet! Aber nein! Nicht einmal meine Töchter und meine Enkel hast du mich küssen lassen. - Ich hätte die Macht, dir nun übel mitzuspielen. Aber euer G"tt hat gestern mit mir gesprochen und gesagt, dass ich euch nichts tun soll. - Ich sehe ja ein, dass du Sehnsucht nach zuhause hast. Aber weshalb hast du meine Götterchen auch gleich gestohlen?“

Jaaqov antwortete Lavan: „Ich fürchtete, dass du deine Töchter zurückholen könntest. Aber wenn du bei einem von uns deine Götterchen findest, so soll derjenige nicht länger am Leben bleiben. Schau also ruhig alles durch und sieh nach, ob wir irgendetwas unrechtmäßig mitgenommen haben.“ Jaaqov wusste aber nicht, dass Rachel Holzgötterchen von ihrem Vater mitgenommen hatte.

Und so ging Lavan durch das Lager und suchte nach seinen Götterchen. Er ging zunächst in Jaaqovs Zelt, dann in Leas Zelt, dann in das Zelt der beiden Dienerinnen und schließlich in das von Rachel. Er durchsuchte alles, fand aber nichts. Rachel hatte aber die Holzgötterchen in einen kleinen Korb gelegt und sich daraufgesetzt. Nun sagte sie ihrem Vater: „Du bist doch nicht böse, dass ich nicht aufstehen kann. Ich habe aber zur Zeit meine Tage und fühle mich denkbar schlecht.“ So suchte Lavan weiter, fand aber nichts.

Da wurde Jaaqov nun wieder auf Lavan wütend, da er offensichtlich falsch beschuldigt worden war: „Nun, was habe ich verbrochen? Was habe ich dir getan, dass du mir nacheilst, mein Lager auf den Kopf stellst und alles durchwühlst? Wenn du irgendetwas gefunden hast, das dir gehört, so leg es augenblicklich hier nieder! Zwanzig Jahre habe ich dir gedient, ich habe stets darauf geachtet, dass deine Tiere gesunde Jungtiere gebären, deine Widder habe ich nicht gegessen, was von wilden Tieren zerrissen wurde, habe ich ersetzt. Gestohlenes fordertest du stets von mir. Tags schmachtete ich für dich in der Hitze, nachts ließ mich der Frost nicht schlafen. Vierzehn Jahre lang habe ich so gelebt für deine Töchter, und wieder sechs Jahre für die Herden. Zehnmal hast du den Lohn geändert! Und wäre nicht G"tt Avrahams und Jizchaqs mit mir gewesen, so hättest du mich sicher gerne mit leeren Händen davongeschickt. Und G"tt hat mein Elend gesehen und er hat mir geholfen!“

Da antwortete Lavan: „Die Töchter - es sind meine Töchter. Die Kinder - es sind meine Kinder. Die Herden - es sind meine Herden. Alles, was du hier siehst, alles ist mein! - Aber was kann ich meinen Töchtern oder ihren Kindern jetzt noch tun? Deshalb ist es besser, wenn wir einander ein Versprechen ablegen.“

Daraufhin nahm Jaaqov einen Stein und richtete ihn als ein Denkmal auf und sagte zu seinen Verwandten: „Sucht weitere Steine!“ Da sammelten sie Steine und machten daraus einen großen Haufen. Anschließend setzten sie sich auf diesem Steinhaufen nieder und aßen gemeinsam etwas. Lavan sagte sehr feierlich: „Dieser Steinhaufen, auf dem wir sitzen, sei heute ein Zeuge zwischen dir und mir, und er soll mein Versprechen bezeugen, dass ich nie an diesem Steinhaufen vorbei zu dir hinübergehe und du nie an diesem Steinhaufen vorbei zu mir herüberkommst. Der G"tt Avrahams und der G"tt meines Vaters Nachor sollen zwischen uns beiden richten.“

Und auch Jaaqov schwor bei G"tt und schlachtete ein Tier auf dem Berg und lud alle Verwandten zu einem großen Mahl ein. Sie aßen miteinander, und als es Abend wurde, übernachteten sie auf dem Berg. Und morgens stand Lavan mit seinen Leuten auf, küsste seine Töchter und segnete sie. Schließlich brach er auf und kehrte in seine Heimat zurück.

(32) Auch Jaaqov brach am Morgen auf und ging seinen Weg weiter Richtung Heimat. Da begegneten ihm Boten G"ttes. Als Jaaqov sie sah, sagte er: „Das hier ist ein Lager G"ttes,“ weshalb er den Ort auch Machanayim (Lager) nannte.

Fortsetzung Paraschat Wajischlach

copyright 2011 Hanna Liss u. Bruno Landthaler

Devarim
Waetchanan
Eqev
Reeh
Schoftim
Ki Teze
Ki Tavo
Nizavim
Wajelech
Haasinu
Sot ha-Bracha
7. Kislew 5771 / 3. Dezember 2011

Paraschat Wajeze

Gen 28,10 - 32,3, Haftara: Hos 12,13 - 14,10

Einleitung
Fragen

Einleitung

In dieser Parascha wird die Geschichte von unserem Stammvater Jaaqov weitererzählt. Jaaqov reist nach Mesopotamien, in die Heimat seiner Mutter Rivqa. Dort trifft er seinen Onkel Lavan, heiratet dessen beide Töchter Lea und Rachel und bekommt im Laufe der Zeit elf Söhne (vom zwölften erzählt die nächste Parascha) von vier Frauen. Er trennt sich wieder von Lavan und reist zurück nach Kenaan, seiner Heimat. Damit hat Jaaqov die Basis für das Volk Jisrael gelegt. Denn aus den zwölf Söhnen Jaaqovs gehen später die zwölf Stämme Jisraels hervor, die zusammen das Volk Jisrael bilden.

Deshalb ist es besonders interessant, wie die Geschichte von der Volkwerdung Jisraels erzählt wird. Es ist nämlich nicht einfach eine Abfolge von verschiedenen Ereignissen, sondern es ist eine dramatische Geschichte. Jaaqov wird immer wieder von seinem Onkel Lavan übervorteilt: Will Jaaqov zunächst Rachel zur Frau haben und arbeitet dafür sieben Jahre für Lavan, so bekommt er am Ende nur die Schwester Lea zur Frau und muss für Rachel weitere sieben Jahre arbeiten. Die gesamte Jaaqov-Erzählung ist also keine „Heiligenlegende“, sondern eine Geschichte aus dem Leben, wo es um Trug, Vorteilnahme und Lüge geht. Diesen Weg muss Jaaqov selbst gehen, auch wenn G"tt ihm seinen Beistand zuspricht. Aber G"tt ebnet Jaaqov keineswegs den Weg, damit dieser bequem seine Bestimmung erfüllen kann.

Das bedeutet also, dass Jisrael von Anfang an mitten im Leben der Völker stand, angewiesen auf andere, angefeindet von anderen, Verträge mit anderen schließend, um miteinander leben zu können. Dass Jisrael von G"tt „erwählt“ worden ist, hat also nichts von dieser Lebenswirklichkeit genommen, zumindest erzählt uns die Tora von diesem ganz normalen Leben, in dem Jisrael allenfalls dadurch ausgezeichnet ist, dass es weiß, wozu es die Dinge macht: Jaaqov ist der Beistand G"ttes zugesagt und Jaaqov ist G"tt verpflichtet.

Fragen zur Parascha

A) Allgemeine Fragen

Was sieht Jaaqov im Traum?

Wen heiratet Jaaqov? Wer ist sein Schwiegervater?

Wieviele Jahre muss Jaaqov für seine beiden Frauen bei Lavan dienen?

Von wievielen Kindern(!) Jaaqovs wird in dieser Parascha erzählt?

Mit wievielen Frauen hatte Jaaqov Kinder. Welches sind die Frauen?

B) Fragen für Fortgeschrittene

Jaaqov hatte seine Kinder von mehreren Frauen. Erinnert dich die Geschichte, wie Lea und Rachel Jaaqov zu ihren Dienerinnen schicken, an eine Geschichte, die wir schon hatten?

Wieviele Söhne wird Jaaqov insgesamt haben? Welche Bedeutung haben diese Söhne für das Volk Jisrael?

Kannst du dir denken, weshalb ausgerechnet Rachel die Unfruchtbare war, und nicht Lea (es gibt auch eine Erklärung im Text!)?

In der nächsten Parascha wird erzählt, dass Rachel stirbt. Und zwar stirbt sie relativ jung. Da hat Raschi gesagt, dass das seinen Grund in einer Textstelle in dieser Parascha hat. Kannst du dir denken, welche Textstelle den Grund liefert, dass Rachel so jung gestorben ist?

copyright 2011 Hanna Liss u. Bruno Landthaler

Raschis Kommentar

Im Text sind einige Wörter/Sätze unterstrichen. Wenn man mit der Maus darüber geht, dann macht sich rechts ein Fenster auf mit einem Kommentar.

Manchmal sind das nur erläuternde Sätze, oft aber versuchen wir hier, das wiederzugeben, was Raschi zu der entsprechenden Stelle kommentiert hat. Dadurch bekommt man eine Hilfe an die Hand, in welch unterschiedlicher Weise die Tora interpretiert werden kann.

Wir nehmen deshalb Raschi, weil er für die jüdische Auslegung der Bibel sehr wichtig geworden ist. Raschi hat es verstanden, die vielen Auslegungen, die es zu seiner Zeit in den Midraschim gab, zu bündeln und daraus sozusagen das Wichtigste zu betonen. Raschi hilft heute vor allem darin, uns zu lehren, den Text sehr genau zu lesen und immer wieder Fragen an den Text zu stellen. Für Raschi war der Text nie einfach nur da und schon gar nicht dafür da, ihn einfach "herunterzubeten".

Natürlich konnten wir hier den Raschi-Kommentar nicht vollständig wiedergeben, auch nicht wörtlich. Aber wir wollten wenigstens einen Eindruck verschaffen, in der HOffnung, auch den Bibeltext verständlicher werden zu lassen

Da wir hier noch eine Baustelle haben und wir Woche für Woche uns voranarbeiten, sind natürlich noch nicht alle Stellen kommentiert. Das werdet Ihr aber ganz einfach daran merken, dass im Text nichts mehr unterstrichen ist.

Die Leiter vom Himmel Jaaqov bei Lavan Jaaqovs Heiraten Jaaqovs Kinder Jaaqov trennt sich von Lavan Lavan verfolgt Jaaqov